Kürzlich fanden zwei Ereignisse statt, welche globale Aufmerksamkeit auf sich zogen und darauf hindeuteten, dass der ISIS seine Fähigkeiten und Reichweite ausdehnt.
Am 12. Januar 2015 hackte der ISIS als Akt des „Cyber-Jihad“ erfolgreich den US Central Commands Twitter-Account1, während Barack Obama in Washington eine Rede über Internetsicherheit hielt.2 Am 14. Januar 2015 veröffentlichte Saudi Arabien Details zum Bau einer etwa 900 Kilometer langen Mauer, die Saudi Arabien und den Irak voneinander trennen soll. Während große Teile der Saudi-irakischen-Grenze unter Kontrolle der ISIS stehen, soll die Pufferzone aus fünf abgezäunten „Schichten“, mit Wachtürmen, Nachtsicht- und Radarkameras bestehen.3 Dies alles, weil bei einem Selbstmordattentat am 5. Januar 2015 zwei saudische Grenzpolizisten und deren befehlshabender Offizier getötet wurden, was vom Königreich als erste Attacke der ISIS auf Saudi Arabien gewertet wurde.4 Nun sind sechs Monate vergangen, seit die ISIS ihr „Kalifat“ offiziell angekündigt haben, und obwohl sie ihre territoriale Kontrolle ausgeweitet haben und sich gegen andere Rebellengruppen beweisen konnten, zeigt sich bei näherer Begutachtung ihrer Erfolge, dass vieles davon vielmehr Fata Morganen sind.
Die erste Anwesenheit des ISIS in Syrien lässt sich zurückdatieren auf April 2013, als Abu Bakr al Baghdadi die Vereinigung seiner Gruppierung mit Jabhat al-Nusra in Syrien bekanntgab. Die darauffolgende Zurückweisung von Muhammad Joulani führte zur Gründung der ISIS und einem langatmigen Kampf mit Jabhat al-Nusra und anderen Rebellengruppen in Syrien und daraus resultierenden Einnahmen von Territorien. Heute befindet sich der größte Teil der Syrisch-irakischen-Grenze in den Händen des ISIS, so wie auch große Teile des Nordens, von Deir-az-Zour bis Ar-Raqqa und Aleppo, unter der Kontrolle des ISIS stehen – auch wenn Halab weiterhin umkämpft ist. Dieses Territorium ist gewaltig und nimmt wahrscheinlich eine Größe von etwa 1000 km² an, bleibt aber dennoch von geringer strategischer Bedeutung. Das Gebiet von Ar-Raqqa bis Mossul, die traditionelle Region der Arabischen Halbinsel (al-Jazirah), ist nur von geringer wirtschaftlicher, historischer und geographischer Bedeutung. Es ist Mittelpunkt einer Wüste, und was dort an landwirtschaftlichem Potential existiert, wird durch Dürrezeiten geschmälert, was dazu führt, dass die Bevölkerungszahl in diesem Teil Syriens immer extrem klein war. Deir-az-Zour und Ar-Raqqa spielten selbst vor dem Arabischen Frühling nur eine geringe Rolle in der syrischen Politik. Das Herz Syriens befindet sich im Westen des Landes und zieht sich von Aleppo im Norden bis nach Damaskus im Süden.
Dies ist der Grund, weshalb Syriens historisches, politisches und wirtschaftliches Zentrum in Aleppo, Hama, Homs, Damaskus und Daraa liegt. Auch wenn die meisten Schlagzeilen in den Medien dem ISIS gewidmet sind, kontrolliert er tatsächlich keines der Schlüsselgebiete Syriens.
Der ISIS gewann im Juni 2014 durch die schnelle Einnahme von Mosul rasant an Bekanntheit, der größten Stadt Iraks nach Bagdad. Dies stellte einen bedeutenden Sieg für den ISIS dar, da sie zwei in Mosul stationierte Divisionen besiegten. Es handelte sich um etwa 30.000 Soldaten, zusätzlich dazu noch etwa 30.000 örtliche Polizisten und 10.000 Bundespolizisten und außerdem einige aus der iranischen al-Quds-Einheit. Die irakische Armee hatte Panzer, Flugzeuge und eine amerikanische Ausbildung. ISIS dagegen hat niemals Panzer oder Flugzeuge eingesetzt. Die irakische Armee war unfähig, inkompetent, geprägt von Vetternwirtschaft und Korruption und zusammengesetzt aus Freiwilligen, die sich ein regelmäßiges Einkommen statt dem Kampf um das Land wünschten. Das Militär wurde angeführt von einer noch korrupteren politischen Klasse und sektiererischen Anführern, die mehr daran interessiert waren, ihre eigene Position zu sichern. Die Kapitulation der irakischen Armee beweist weniger die Fähigkeiten des ISIS, sondern vielmehr wie furchtbar der irakische Staat ist. Auch gibt es genügend Beweise von vielen irakischen Kommandeuren, welche sich zur Zeit des Angriffs in Mosul befanden und den Befehl bekamen, die Stadt zu verlassen und die Ausrüstung zurück zu lassen. Die Entscheidung Mosul aufzugeben kann nur von Maliki selbst stammen. Dies erklärt auch, wieso sich ISIS auch noch Monate später des Kämpfens in Kobane, einer Stadt, die nur einen Bruchteil der Größe von Mosul besitzt, abmüht. Auch wenn man hier hauptsächlich kurdischen und anderen Kämpfern gegenübersteht, verliert ISIS Boden an der nördlichen Grenzstadt zur Türkei. All dies, obwohl der Anführer der ISIS, Abu Bakr al-Baghdadi, tausende Kämpfer nach Kobane schickte, was dazu führte, dass viele Kobane als ISIS‘ Stalingrad bezeichnen.
ISIS bediente jedes Klischee, welches weltweit über einen Islamischen Staat existierte. Enthauptungen, Morde, Entführungen, Sklaverei, Mangel an Gerechtigkeit, Diktatur und Armut sind die Vorstellungen, die die Welt vom ‚Kalifat‘ von ISIS hat. Trotz des raffinierten Einsatzes von sozialen Medien, hat nichts davon die Fähigkeiten eines Staates demonstriert oder die Frage beantwortet, weshalb Muslime aus aller Welt sich dem Kalifat anschließen sollten. Es gibt keinen Zweifel daran, dass ISIS Leute besitzt, die des Einsatzes von Medien mächtig sind, doch für die Entwicklung eines modernen Staates sind Ingenieure und Fähigkeiten zur Entwicklung von Industrie, Waffen und Infrastrukturen notwendig. Im Moment lebt ISIS von der Beute aus Mosul und kann daraus resultierend Militärflugzeuge abschießen oder Panzer abwehren, doch der Kampf gegen eine herkömmliche Armee, die konstant militärische Einheiten produzieren kann, ist eine völlig andere Geschichte. Da ihnen die vollständige Autorität über das Territorium fehlt, welches sie vorgeben zu kontrollieren, kann ISIS nichts gegen US-Luftschläge in dieser Region unternehmen. ISIS besteht aus einer losen Koalition von 20-Jährigen, ehemaligen Baathisten und einigen Ausländern und ist allenfalls eine aufständische Kraft mit nur geringer Kapazität einen Staat zu führen.
Anekdotische Berichte legen nahe, dass Nahrungsmittel, Medizin und andere notwendige Güter nur spärlich geliefert werden und dass die Anwohner der Städte wie Raqqa in Syrien oder Mosul im Irak unglücklich mit den zahllosen Steuern sind, die der Islamische Staat von ihnen erhebt, um seine Wirtschaft anzukurbeln. Das Einfordern von noch mehr Steuern kann unter dem Gesichtspunkt der ansonsten nur geringen wirtschaftlichen Aktivität nur solange funktionieren, bis die Leute ausgeblutet sind.5 ISIS verwandelte den größten Teil Iraks und weite Teile Syriens in ein neues Nordkorea, isoliert von der Welt und sicher nicht repräsentativ für ein gutes Bild von einem Kalifat. Die Territorien der ISIS bestehen zu großen Teilen aus kultivierbaren Wüstenländern, welche sich nicht zur Förderung einer wirtschaftlichen Entwicklung eignen. Es wäre unmöglich unter diesen Voraussetzungen einen Staat zu etablieren, der sich selbst am Leben halten kann. Eine moderne Nation muss im Welthandel partizipieren, um zu überleben. Dies erfordert gegenseitige Anerkennung zwischen Staaten und ein gewisses Maß an internationaler Glaubwürdigkeit. Grundausstattung wie einen Kernspintomographen für ein Krankenhaus in Mosul oder Chemikalien zur Bereinigung von Wasser, so wie auch Medikamente oder Infrastrukturen für Lufttransporte erfordern internationale Beziehungen. Die Nationen, die solcherlei Ausstattung und Materialien produzieren, können und wollen diese nicht der ISIS verkaufen, was sie letztlich zu einem weiteren Nordkorea werden lässt. Dies ist ein herber Schlag für das ‚Islamische Projekt‘ und dessen Glaubwürdigkeit.
ISIS wird von vielen als die erfolgreichste Jihadi-Gruppe mit Kontrolle über große Teile Syriens und Irak angesehen. Auch wenn sie in den letzten 6 Monaten eine Menge auf die Beine gestellt haben, waren Emirate solcher Art allgemein betrachtet von relativ kurzer Dauer. ISIS wuchs auf dem Boden von Irak und Syrien durch das Aufnehmen anderer Gruppen und durch das Rekrutieren von neuen, ansässigen und auch ausländischen Kämpfern heran. Nichtsdestotrotz expandierten sie nicht weiter über ihr Kernterritorium hinaus. Außerhalb ihres Kernterritoriums fand eine Expansion nur statt, wenn andere Gruppen sich selbst umfirmierten. Nur bedingt haben andere Gruppierungen ihre Treue zur ISIS deklariert und diese Gruppen selbst waren meist vielmehr nur Splittergruppierungen bereits existierender Jihadi-Gruppen als wirklich eigenständig. Unterstützer der ISIS weltweit sind meist im Internet aktiv und Pseudo-Gelehrte mit nur wenig Glaubwürdigkeit. Nach sechs Monaten besitzt ISIS zwar ein umfangreiches Territorium, doch nur wenig von dem, was erforderlich wäre, um als ein moderner Staat zu funktionieren.
Quelle: Adnan Khan
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